Donnerstag, 27. Oktober 2016

#Horrorctober: Tenebre – Der kalte Hauch des Todes (1982)

(© Titanus)
So langsam geht es auf die Zielgrade meines diesjährigen Horrorctobers, was meine Liste betrifft, aber vor allem, was den Monat selbst betrifft. Beim heutigen Film handelt es sich um Tenebre von Dario Argento aus dem Jahr 1982.
Der Film erzählt die Geschichte des amerikanischen Autors Peter Neal, der nach Rom reist, um dort sein neuestes Buch Tenebrae vorzustellen. Noch bevor er dort ankommt, wird ein junges Mädchen brutal ermordet – genauso wie es in Neals Buch passiert und darüber hinaus werden im Mund des Mädchens auch noch Seiten aus Tenebrae gefunden. Kurz darauf erhält Neal einen ersten anonymen Drohbrief und auch das Morden hört nicht auf: als nächsten sind zwei Lesben an der Reihe, die ebenfalls auf bestialische Art nach Vorlage des Buches über den Jordan geschickt werden. Ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem scheinbar von Neal besessenen Killer entfaltet sich.

Bereits zu Beginn des Films fallen zwei Dinge ganz deutlich auf: zum einen der extrem fetzige und progressive 1980s Score, für den sich die italienische Band Goblin verantwortlich zeigte, zum anderen die unheimlich miese deutsche Synchronisation, die im besten Falle aufgesetzt, im schlechtesten stimmungstötend und unfreiwillig komisch wirkt. Insgesamt dauert es eine ganze Weile, bis man sich an Tenebre gewöhnt hat. Die Charaktere sind nicht gerade sympathisch und verhalten sich oft merkwürdig, wodurch viele abstruse Momente entstehen, die in der ersten Hälfte des Films einer ernsthaften Stimmung im Weg stehen. Auch an die bereits erwähnte Musik muss man sich erst einmal gewöhnen, ist sie doch atypisch für die Szenen, in denen sie eingesetzt wird. Sobald man sich aber damit angefreundet hat, entfaltet der Soundtrack von Goblin eine sphärische Dichte, die zu faszinieren weiß und schließlich einen großen Mehrwert für den Film bedeutet – zumindest war dies aus meiner Sicht so; ich kann ebenso gut verstehen, wenn man mit der Musik nicht warm wird.

Wenn man sich schließlich mit dem merkwürdigen, teils surrealen Charakter des Films abfinden konnte, wird man mit Tenebre jedoch eine Menge Spaß haben. Das liegt vor allem auch daran, dass er sich in seiner zweiten Hälfte deutlich zu steigern weiß, nachdem Charaktere und Geschichte etabliert sind. Die Spannung zieht deutlich an, es entsteht eine packende und düstere Atmosphäre. Bis zum Finale, welches auch den absoluten Höhepunkt des Films darstellt, hat Tenebre den Zuschauer in seinen Bann gezogen. Das muss nicht unbedingt an der Atmosphäre liegen, denn in die wird sich nicht jeder problemlos fallen lassen können – bei mir hat es auch rund 45 Minuten gedauert –, doch gibt es einige wirklich starke Szenen mit tollen Kamerafahrten und schönen Suspense-Momenten, die definitiv faszinieren und auch für Wohlwollen sorgen sollten, wenn man vom Film ansonsten nicht so recht angetan ist.

Allerdings ist Tenebre eines nicht: ein Horrorfilm. Auch wenn es heißt, er vereine Elemente aus Giallo, Thriller und Horror in sich, so sind die des Horrors doch mit Abstand die am seltensten vertretenen. Ja, der Film ist brutal. Ja, es gibt viele Tote. Und ja, es gibt düstere und verstörende Momente. Aber weder artet es in Splatter aus, noch wird es gruselig. So ist Argentos Film ein brutaler Giallo, als Horrorfilm würde ich ihn beim besten Willen aber nicht bezeichnen. Doch auch wenn Tenebre vielleicht nicht ganz ins Konzept des Horrorctober passt, bleibt bei mir insgesamt ein positives Gefühl zurück. Meine Gewöhnungsschwierigkeiten und die offensichtlichen Mängel der ersten Filmhälfte sind aufgrund des starken Finales fast vergessen und bei einer zweiten Sichtung würde es mir mit Sicherheit leichter fallen, den Film von Beginn an zu mögen. Feststeht in jedem Fall: Tenebre ist ein Gemütsspalter und für ein Mainstream-Publikum wohl nicht die richtige Empfehlung. Wer jedoch bereit ist, über die eine oder andere Skurrilität hinwegzusehen, oder gerade daraus einen Mehrwert zu ziehen weiß, wird seinen Spaß haben! Von mir gibt es 7 von 10 Punkten.

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Tenebre – Der kalte Hauch des Todes (Tenebre, Italien 1982, 99 Minuten, FSK Ungeprüft/Geschnitten ab 18)
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Dario Argento
Darsteller: Anthony Franciosa (Peter Neal), Christian Borromeo (Gianni), Mirella D'Angelo (Tilde), Veronica Lario (Jane McKerrow), Carola Stagnaro (Detective Altieri), John Steiner (Christiano Berti)
Produktion: Claudio Argento
Musik: Goblin
Kamera: Luciano Tovoli




Dienstag, 25. Oktober 2016

#Horrorctober: Nosferatu – Phantom der Nacht (1979)

(© STUDIOCANAL)
Das Bergfest ist gut überstanden – weiter gehts ins Jahr 1979. Werner Herzog nahm sich in dieser Zeit dem deutschen Stummfilm-Klassiker Nosferatu von Friedrich Wilhelm Murnau (1922) an, ersetzte in der Hauptrolle Max Schreck durch Klaus Kinski und machte sich an den Versuch, einen der populärsten frühen Horrorfilme zu modernisieren.
Die Geschichte hält sich dabei, wie auch das Original, relativ getreu an den zugrunde liegenden Stoff Dracula von Bram Stoker. Der junge Immobilienmakler Jonathan Harker bekommt den Auftrag, dem rumänischen Grafen Dracula ein Haus in seiner Wismarer Heimat zu vermitteln. Entgegen der Bedenken seiner Frau Lucy bricht er nach Transsilvanien auf, wo sich das Schloss des Grafen befindet. Auch die Warnungen der dortigen Einwohner halten ihn nicht davon ab, Dracula einen Besuch abzustatten. Doch bei ihm angekommen, wird Jonathan Harker schnell unwohl, denn es ist mehr als offensichtlich, dass es sich beim Grafen um einen Vampir handelt. Das wahre Unheil nimmt jedoch erst seinen Lauf, als Dracula das Angebot des Immobilienmaklers tatsächlich annimmt und in Richtung Wismar aufbricht...

Werner Herzogs Nosferatu-Verfilmung ist deutlich mehr Hommage, als Neuinterpretation. Er ändert zwar die Namen der Protagonisten ab und verpasst ihnen die aus Stokers Vorlage, ansonsten steht Herzogs Film aber zu jeder Zeit und unbestreitbar in der Tradition Murnaus. Nicht selten übernimmt er sogar ganze Sequenzen bis hin zur Kameraeinstellung. Diese tiefe Verbeugung vor dem Original-Nosferatu ist zwar angebracht, schadet meinem Empfinden nach aber dem Endprodukt. So wirkt der Film für sein Entstehungsjahr 1979 (in dem immerhin auch Alien in die Kinos kam) recht altbacken und träge. Oft macht Nosferatu den Anschein, als sei er für die Theaterbühne konzipiert; dazu gesellt sich ein fast dokumentarisch wirkender Filmstil. Einige modernere Einflüsse, ein wenig Straffung hier und da und eine dezente Orientierung am Horrorfilm der 1970er, statt lediglich am Stummfilm der 1920er, hätte dem Film wahrscheinlich gut getan.

Setfoto von Werner Herzog und Hauptdarsteller
Klaus Kinski in seiner Nosferatu-Kostümierung
Doch auch wenn Herzogs Film nicht unbedingt seiner Zeit entsprungen scheint, hat er dennoch eine ganze Menge zu bieten. So wirkt die gesamte Szenerie – auch durch ihren stellenweise dokumentarischen Charakter – sehr realistisch und dadurch furchteinflößend. Drehorte, Kulissen und Kostüme sind perfekt gewählt und großartig gestaltet. Auf Draculas Schloss möchte meinen definitiv keine Nacht verbringen; das 19. Jahrhundert, in welchem das Szenario angelegt ist, wird glaubhaft und überzeugend dargestellt. Mit den Kostümen kommen wir zu einem weiteren großen Pluspunkt des Films: Klaus Kinski. Auch wenn Max Schreck in seiner unheimlichen Verkörperung des 1922er Nosferatu ungeschlagen bleibt, weil er mit seiner mysteriösen Art das fürchterliche Unheil greifbar machte und fast mehr echter Vampir als nur Schauspieler war (Wie es sich der großartige Film Shadow of the Vampire aus dem Jahr mit Willem Dafoe als Max Schreck zum Thema macht), ist Kinskis Darstellung grandios. Man sieht in ihm zwar immer den Schauspieler Kinski, doch spielt er den Grafen so fies und vielschichtig – mal als das pure Böse, mal als Ziel für Mitgefühl –, dass es eine wahre Freude ist. Dazu trägt auch die Maske bei, die den Look des Original-Nosferatu aufgreift und gleichzeitig neuinterpretiert auf Kinski zugeschnitten ist. Neben dem im Mittelpunkt stehenden Titelhelden können auch der junge Bruno Ganz als Jonathan Harker und Isabelle Adjani als seine Frau Lucy vollends überzeugen. Ebenfalls zu gefallen weiß der unheimlich-sphärische Score, der eine unangenehme Stimmung hervorzurufen versucht und dies stellenweise, aber nicht immer schafft – was jedoch mehr an der Inszenierung des Films, als an der Musik liegt. 

Insgesamt kann man mit Werner Herzogs Nosferatu seinen Spaß haben – allerdings muss man diesen aus verschiedenen Elementen ziehen. Aus den Reminiszenzen an den Original-Film, aus den plausiblen Drehorten und Kulissen, aus der hervorragenden Leistung Kinskis. Abgesehen davon wirkt der Film sehr träge und weiß nicht sonderlich mitzureißen. Auch als Horrorfilm funktioniert Nosferatu nicht. Ebenso wie ein Horrorfilm aus den 1920er Jahren in der Regel heute nicht mehr als ein solcher zu schockieren weiß, kann dies auch die, an diese Filme angelegte, Neuverfilmung nicht. Somit bleibt eine interessante, stimmungsvolle und optisch ansprechende Hommage, die ihre Daseinsberechtigung hat, aber heutzutage nicht mehr vollends zu überzeugen und schon gar nicht mitzureißen weiß. 6,5 von 10 Punkten.


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Nosferatu – Phantom der Nacht (Deutschland, Frankreich 1979, 107 Minuten, FSK 16)
Regie: Werner Herzog
Darsteller: Klaus Kinski (Graf Dracula), Bruno Ganz (Jonathan Harker), Isabelle Adjani (Lucy Harker), Walter Ladengast (Dr. Van Helsing)
Drehbuch: Werner Herzog
Produktion: Werner Herzog
Musik: Popol Vuh, Florian Fricke, Charles Gounod, Richard Wagner
Kamera: Jörg Schmidt-Reitwein


Montag, 17. Oktober 2016

#Horrorctober: Rosemaries Baby (1968)

(© Paramount Pictures)
Der fünfte Film meines diesjährigen Horrorctober bedeutet für mich Bergfest und gleichzeitig das Ankommen beim ersten Farbfilm meiner Liste. Nach Die Fliege von 1958 springe ich zehn Jahre weiter gen Gegenwart und nehme mir Roman Polanskis Klassiker Rosemaries Baby zur Brust. In diesem verfolgt der Regisseur die Geschichte des Ehepaares Guy und Rosemarie Woodhouse, die in eine neue Wohnung ziehen. Dass diese sich in einem Haus befindet, das seit langem für sonderbare und vor allem todbringende Vorgänge bekannt ist, stört sie zunächst wenig. Gerade erst in der neuen Heimat angekommen, bringt sich eine junge Frau um, die bei den Nachbarn der Woodhouses, den Castevets wohnte. Diese wenden ihre Aufmerksamkeit daraufhin vermehrt den Neulingen zu, werden aufdringlicher und merkwürdiger. Während Rosemarie nach und nach misstrauischer ihnen gegenüber wird, freundet sich ihr Ehemann immer mehr mit ihnen an. Gleichzeitig nimmt seine erfolglose Schauspielkarriere einen plötzlichen positiven Verlauf. Eines Tages wird Rosemarie nach dem Verzehr einer von Minnie Castavet zubereiteten Mousse au Chocolat schummrig – und wacht inmitten einer unheimlichen Zeremonie wieder auf, befindet sich jedoch in einem tranceähnlichen Zustand. Sie kann nichts machen, als sich ihr ein unmenschliches und furchteinflößendes Wesen nähert... kurz darauf ist sie schwanger. Ihr Mann Guy behauptet, mit ihr geschlafen zu haben, während sie im Alkoholrausch ohnmächtig war – doch zweifelt sie mehr und mehr an den Worten ihres Gatten.

Nach dem großen Erfolg von Tanz der Vampire drehte Roman Polanski diesen Klassiker des Horrorfilms. Dabei ist der Film eigentlich mehr ein spannendes Psychodrama, welches sich einer übernatürlichen Horrorthematik bedient. Die erste Hälfte der 130-minütigen Laufzeit nutzt Polanski zur Etablierung von Personen, Schauplätzen, Thematik und zum Aufbau von Stimmung und Atmosphäre. Das mag sich an einigen Stellen etwas in die Länge ziehen, wird dabei jedoch nie langweilig. Es sind die kleinen Details, die für durchgängige Faszination sorgen. Es gibt überall Hinweise zu entdecken, die bereits früh den Lauf der Geschichte erahnen lassen – und allesamt nicht gerade subtil sind. Hier wäre es etwas spannender und stimmungsfördernder gewesen, wenn diese unterschwelliger und nicht so sehr mit dem Holzhammer eingestreut worden wären. So sorgen sie jedoch stellenweise für einen gewissen Unterhaltungswert, was die ansonsten recht angespannte Stimmung auflockert. Das stört nicht weiter, wäre andersherum aber wahrscheinlich wirkungsvoller gewesen. Aber genug des Konjunktivs.

Dass spätestens nach dem großen Reveal jedem Zuschauer der weitere Verlauf der Geschichte bekannt sein dürfte, sorgt in der zweiten Hälfte des Films für einen sehr gelungenen Spannungsaufbau. Dem Zuschauer ist die Lage genau bewusst, ganz im Gegenteil zur Hauptprotagonistin Rosemarie. Diese tappt lange im Dunkeln und vertraut viel zu sehr ihrem (größtenteils männlichen) Umfeld. So macht die arme Frau, nachdem sie geschwängert wurde, eine schwer anzusehende Tour de Force mit. Es tut weh zu sehen, was mit Rosemarie passiert. Ihr Umfeld wird immer beängstigender, sie leidet immer mehr und dennoch bleibt sie freiwillig in ihrem Gefängnis. Und will sie schließlich daraus entfliehen, stellt sich ihr jemand in den Weg. So baut man als Zuschauer des Geschehens einen sich immer weiter steigernden Hass gegenüber den Antagonisten auf. Durch die Sympathie und Nähe, die man als Außenstehender vor der Leinwand für Rosemarie aufbaut, erzeugt Polanski eine Hitchcock-artige, suspensige Atmosphäre, die vom großartigen Soundtrack noch gestützt wird und den Film so auf elektrisierende Weise in Richtung Finale treibt.

Vollkommen zu Recht ist Rosemaries Baby ein hoch geschätzter Klassiker. Roman Polanski beweist sein großes Talent für die Kreation interessanter Figuren und dichter Atmosphäre. Mit besonderem Blick auf kleine Details wird so eine knisternde Spannung erzeugt, die sich vom Beginn des Films an langsam steigert, in ein Mitleid-durchtränktes Mitfiebern ausartet und dadurch schließlich für ein kraftvolles Pay Off im Finale sorgt – insgesamt gehört das Ende für mich zweifelsohne zu den großen Enden der Filmgeschichte. Alles andere als unschuldig an der Intensität des Films sind auch die Schauspieler, allen voran Mia Farrow und John Cassavetes als Ehepaar Woodhouse, sowie Ruth Gordon und Sidney Blackmer als Mann und Frau Castevet. Während Mia Farrow die Leiden der jungen Rosemarie durch und durch überzeugend und zutiefst mitleiderregend zu vermitteln weiß und John Cassavetes ihren aalglatten und hintergründig bösen Gatten verabscheuenswert verkörpert, sind in der ersten Hälfte des Films vor allem Ruth Gordon und Sidney Blackmer die heimlichen – oder eher unheimlichen – Stars. Sie spielen die Castevets merkwürdig, creepy und von Minute zu Minute beängstigender. Zunächst belustigend, lassen sie nach und nach Misstrauen und Hass im Zuschauer aufsteigen.

Alles in allem ist Rosemaries Baby (neben Freaks) das bisherige Highlight meines Horrorctober. Lange habe ich diesen Klassiker vor mir hergeschoben und nun bin ich mehr als froh, ihn endlich nachgeholt zu haben. Wenn man von einigen Längen absieht und davon, dass es sich hier mehr um ein Psychodrama mit Horrorthematik als um einen wirklichen Horrorfilm handelt, dann kann man sogar von einem Meisterwerk sprechen. Großartige, sich steigernde Spannung, wunderbar und faszinierend in seinen Details, ein erstklassiger Score, eine mehr als überzeugende Besetzung und ein fantastisches Ende – von mir gibt es 8,5 von 10 Punkten.


Ach ja: Ich wollte dieses Fass in meiner Review nicht aufmachen, dennoch kann es bei einer kontroversen Figur wie Roman Polanski nicht unerwähnt bleiben – Rosemaries Baby ist beim besten Willen kein Film für Feministen! Die Männer sind chauvinistische Machos, ihre Frauen folgen ohne Widerrede ihrem Willen. Selbst, dass ihr Mann offen erzählt, er habe sie, während sie ohnmächtig war, bestiegen und geschwängert, ist für Rosemarie vollkommen in Ordnung und wird von ihr nicht hinterfragt. Hier zeigt sich das bestenfalls fragwürdige Frauenbild des jungen Roman Polanski, das sicherlich auch ein Produkt der 50er und 60er Jahre ist, aber nicht unkritisiert bleiben darf – den Film zerstört das aber selbstverständlich nicht und beides sollte getrennt voneinander betrachtet werden.


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Rosemaries Baby (Rosemary’s Baby, U.S.A. 1968, 131 Minuten, FSK 16)
Regie: Roman Polanski
Darsteller: Mia Farrow (Rosemarie Woodhouse), John Cassavetes (Guy Woodhouse), Ruth Gordon (Minnie Castavet), Sidney Blackmer (Roman Castavet), Maurice Evans (Hutch), Charles Grodin (Dr. Hill)
Drehbuch: Roman Polanski nach dem gleichnamigen Roman von Ira Levin
Produktion: William Castle
Musik: Christopher Komeda
Kamera: William Fraker


Donnerstag, 13. Oktober 2016

#Horrorctober: Die Fliege (1958)

(© 20th Century Fox)
Es folgt der bisher größte Zeitsprung in meiner Horrorctober-Liste. Nach Der Wolfsmensch von 1941 geht es 17 Jahre nach vorn, ins Jahr 1958. Mit Die Fliege habe ich mir einen Film angeschaut, der den meisten heutzutage hauptsächlich als Vorlage des Remakes von David Cronenberg aus dem Jahr 1986 bekannt ist (welches ich Rahmen des letztjährigen Horrorctober behandelte und für großartig befand!). Allerdings wählt das Original von Regisseur Kurt Neumann einen anderen Ansatz als Cronenberg fast 30 Jahre später:
Der Film von 1958 beginnt mit dem Tod des Wissenschaftlers André Delambre, der von einer großen Presse zerquetscht aufgefunden wird. Seine Frau erzählt daraufhin die Geschichte, wie es zum tragischen Tod ihres Gatten kam. Dieser forschte erfolgreich an einer Teleportationsmaschine – bis er eine Fliege übersah, die sich mit ihm im Teleporter befand. Während der Teleportation vermischten sich die Moleküle von Mensch und Fliege und ein Mensch-Fliegen-Wesen ward geboren. Ab diesem Moment verschanzte Delambre sich in seinem Keller, nicht einmal seine Frau durfte ihn ansehen. Als letzte Hoffnung blieb, die Fliege mit dem Menschenkopf zu fangen und zu versuchen, den Vorgang rückgängig zu machen. Doch wer schon mal versucht hat eine Fliege lebendig zu fangen weiß, dass das kein Zuckerschlecken ist...

Während Cronenbergs Fliege in ihrem zweiten Teil das Hauptaugenmerk auf schleimigen Body-Horror legt, ist Neumanns Version in ihrem eigentlichen Sinne ein Science-Fiction-Drama. "Delambrefly" ist nicht böse, verfügt nicht über abnorme Fähigkeiten, giert nicht nach Rache oder Blut. Auch die Verwandlung wird nicht thematisiert. Der zentrale Aspekt dieses Films ist die tragische Geschichte eines Wissenschaftlers, der durch ein verunglücktes Experiment verunstaltet wird und seiner Frau, die ihm als Einzige helfen kann, wieder zur Normalität zurückzukehren. Vor allem das Leiden von Helene Delambre steht dabei im Mittelpunkt, denn ihr Mann verbringt die größte Zeit des Filmes hinter der verschlossenen Kellertür. Damit lebt Die Fliege zu großen Teilen von den guten Darstellerleistungen, die David Hedison als André Delambre, Patricia Owens als Helene Delambre und der große Vincent Price als Francois Delambre, dem Bruder des Wissenschaftlers, abliefern. Darüber hinaus erzeugt auch die Frage, welche schreckliche Verwandlung im Laborkeller vonstatten gegangen ist, eine gewissen Spannung. Lange baut Regisseur Neumann den enthüllenden Moment auf und erzeugt so eine angespannte Atmosphäre mit einer guten Portion Suspense. 

Die Auflösung ist dann auch einer der Höhepunkte des Films, die Fliegenmaske sieht klasse aus und wirkt schön fies – auch wenn der Unterschied zu Cronenbergs glitschig-schleimigem Fliegenkostüm natürlich himmelweit ist. Insgesamt ist Die Fliege definitiv einen Blick wert und man versteht, was Cronenberg daran gereizt hat, diesen Klassiker aufzugreifen und auf seine eigene Art zu interpretieren. Leider macht der Unterschied zu Cronenbergs Fliege auch deutlich, was dem Original fehlt: der Grusel- und Ekelfaktor. Es ist beim besten Willen kein Horrorfilm, vielmehr ein morbides Drama. Das ist auf keinen Fall schlecht und macht Freude zu schauen, doch möchte man einfach mehr von dem faszinierenden Fliegen-Wesen sehen und dies wird verwehrt. Wahrscheinlich wird dieses Versäumnis in den beiden Fortsetzungen Die Rückkehr der Fliege (1959) und Der Fluch der Fliege (1965), die aufgrund des großen Kommerziellen Erfolges des Originalfilms entstanden, wieder wettgemacht – leider habe ich beide nicht gesehen.

Als Freund des Remakes sollte man Die Fliege von 1958 zumindest aus Interesse einmal gesehen haben. Und auch sonst sind es definitiv keine verschenkten 90 Minuten – die schauspielerischen Leistungen sind klasse, der Film ist dramatisch und spannend und auch die Maske weiß zu überzeugen. Dennoch bleiben gerade im Vergleich zur 1986er Version viele Aspekte, die man gern gesehen hätte, auf der Strecke und die Handlung versumpft (wenn man einen Horrorfilm erwartet) zu sehr in der Drama-Ecke. Aus heutiger Sicht wirkt Die Fliege daher leider ein wenig eingerostet und der Grusel, der vor 60 Jahren vielleicht noch zündete, ist davon heute weit entfernt. Dennoch gibt es von mir verdiente 7 von 10 Punkten. 


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Die Fliege (The Fly, U.S.A. 1958, 93 Minuten, FSK 16)
Regie: Kurt Neumann
Darsteller: David Hedison (André Delambre), Patricia Owens (Helene Delambre), Vincent Price (Francois Delambre)
Drehbuch: James Clavell; basierend auf einer Kurzgeschichte von George Langelaan (erschienen 1957 im Playboy)
Kamera: Karl Struss
Produktion: Kurt Neumann


Dienstag, 11. Oktober 2016

#Horrorctober: Der Wolfsmensch (1941)

(© Universal)
Auf meiner Horrorctober-Zeitreise habe ich die 1940er Jahre erreicht. Genauer gesagt: das Jahr 1941. Während der zweite Weltkrieg die Welt in kollektive Angst versetzte, versuchte Universalfilm mit seinen Horror-Produktionen die Menschen auf positive Art das Fürchten zu lehren und von den realen Schrecken abzulenken. Bereits zehn Jahre zuvor war der legendäre Dracula-Film mit Bela Lugosi in der Hauptrolle erschienen und auch Frankenstein mit Boris Karloff stammte aus dem Jahr 1931. Nun sollte eine neue Legende des Gruselfilms geboren werden und seine große Hollywoodkarriere starten: Der Wolfsmensch.

Handlung: Larry Talbot kehrt auf das walisische Schloss seines Vaters zurück. Zurück in der Heimat lernt er in einem Antiquitätengeschäft die schöne Gwen kennen, mit der er sich zu einem Abendspaziergang verabredet. Als er sie am Abend abholt, begleitet auch Gwens Freundin Jenny die beiden. Im Wald begegnen sie einigen Zigeunern, die dort ihr Lager aufgeschlagen haben. Jenny lässt sich von einer alten Zigeunerfrau aus der Hand lesen – welche dort ein Pentagram entdeckt, erschrickt und sie wegschickt. Auf dem Heimweg wird Jenny schließlich von einem Wolf angefallen. Larry geht dazwischen, kann den Angreifer erschlagen, wird jedoch in die Brust gebissen. Am folgenden Morgen sind die Bissspuren auf sonderbare Weise verschwunden und statt eines toten Wolfes wird ein toter Zigeuner gefunden... womit das Unheil seinen Lauf nimmt.

Der Film von Regisseur George Waggner stellt die Geburt des Wolfsmenschen als kultige Horrorfigur dar, die noch in einer Vielzahl von Filmen zu sehen sein sollte – zuletzt im Remake Wolfman von 2010 mit Benicio Del Toro in der Hauptrolle. Neben der Figur des Wolfsmenschen feierte mit diesem Film auch Hauptdarsteller Lon Chaney Jr. seinen großen Durchbruch und wurde in den folgenden Jahren, vor allem durch seine Rollen in den Universal-Horrorfilmen, zum Star. Leider gehört der Film selbst nicht zu den Höhepunkten der frühen Gruselfilme. Das liegt hauptsächlich an der wenig spannenden und gruseligen Geschichte, die sich über zwei Drittel der nur 70-minütigen Laufzeit sehr schleppend entwickelt. Die Figuren des Larry Talbot und seines Schwarmes Gwen bieten nicht genug Tiefe, nicht genug Schattierungen, um interessant und unterhaltend genug zu sein und den Film damit zu tragen. Chaney füllt seine tragische Rolle zwar gut aus, kann ihr jedoch auch nicht mehr Facetten verleihen, als es die Vorlage hergibt. Einer der Höhepunkte der ersten Hälfte des Films bleibt damit die Rolle des Zigeuners Bela und seine Geschichte. Von Dracula-Star Bela Lugosi verkörpert, strahlt diese Figur eine besondere Aura aus. Daneben weiß hauptsächlich die Ausstattung des Films durchgehend zu überzeugen: Sei es die Maske des Wolfsmenschen oder die gut gewählten Locations altes Schloss, dunkler Wald und Friedhof, die zumindest ansatzweise eine düster-morbide Atmosphäre heraufbeschwören können.

Etwas spannender wird Der Wolfsmensch in seinem letzten Drittel, nachdem Larry zum Werwolf geworden ist – wobei diese Metamorphose sehr schlicht, aber für das Jahr 1941 überzeugend dargestellt wird. Die Tragik der Figur breitet sich ab diesem Punkt besser aus und zieht den Zuschauer ein Stück weiter in den Film hinein. Auch Lon Chaney Jr. weiß hier schauspielerisch zu überzeugen. Leider bleibt trotzdem alles recht vorhersehbar (zumindest aus heutiger Sichtweise) und größtenteils frei von Grusel – wenn man von einigen kurzen Momenten und dem großen Finale absieht. Selbst unter den Kinobesuchern im Jahr 1941 dürfte Der Wolfsmensch nur die Schreckhaftesten geängstigt haben. Trotz allem ist der Film einen Blick wert – ob als Zeitdokument, oder als tragisches, aber leider nicht allzu spannendes Drama mit guter Ausstattung und einem überzeugenden Hauptdarsteller. Von mir gibt es durchschnittliche 6 von 10 Punkten.

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Der Wolfsmensch (The Wolf Man, U.S.A. 1941, 70 Minuten, FSK 12)
Regie: George Waggner
Darsteller: Lon Chaney Jr. (Larry Talbot/Wolfsmensch), Evelyn Ankers (Gwen Conliffe), Bela Lugosi (Zigeuner Bela), Claude Rains (Sir John Talbot), Fay Helm (Jenny Williams), J. M. Kerrigan (Charles Conliffe)
Drehbuch: Curt Siodmak
Kamera: Joseph Valentine
Produktion: Universalfilm